Auf feindlichem Gebiet

Mit Herthaschal bei den Toten Hosen in Düsseldorf 2013Seit dem Skandal-Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC lebt man ja ein bisschen gefährlich, wenn man Hertha UND Die Toten Hosen mag. Man (in diesem Falle: ich) ist immer irgendwie auf feindlichem Gebiet.

Montag, 21. Oktober 2013

Das fängt in der eigenen Familie an. Um Muttertag 2013 herum waren wir in Köln. Nicht wegen Muttertag, sondern weil Hertha beim FC spielte und wir vorher ein paar Tage drangehangen haben, mit unseren Hertha-Fan-Kindern (was drei von vier sind, plus Anhängsel von K4 minus K3, der war auf ner Regatta). Und weil wir so viel Zeit hatten, machten wir einen Ausflug.


K4: Mutter, wo fahren wir denn hin?

Mutter: Auf feindliches Gebiet.

K4: Ey, das ist nicht euer Ernst! Ihr verschleppt uns doch wohl nicht nach DÜSSELDORF?!

Mutter, diabolisch grinsend: Oooh doch!

K4 plus Anhängsel: Lasst uns bitte an der nächsten Ampel raus! Da gehen wir nicht hin! Scheiß Fortuna!

Anhängsel: Scheiß Tote Hosen!

Der Mann (denkt): Scheiß Tote Hosen!

Mutter: Könnt ihr das bitte mal trennen? Was könnnen denn die Hosen für ein paar Durchgeknallte, die den Schlusspfiff nicht abwarten können?

Anhängsel: Wer für die Toten Hosen ist, ist auch für Fortuna. (was er meint: Wer für die Toten Hosen ist, frisst auch kleine Kinder)

Der Mann (von heute aus betrachtet prophetisch): Die steigen sowieso wieder ab.

Mutter: Warum regt ihr euch dann auf? Ich fand das auch scheiße, aber dafür konnten weder Die Toten Hosen noch die Stadt was.

Es folgt eine längere, durcheinandergerufene “Erklärung”, weshalb sowohl die Hosen als auch Düsseldorf sehr wohl etwas dafür können würden. Einzelheiten erspare ich euch.

Mutter, mit Totschlagargument: Ich finde es toll, dass die Hosen ihre Tour-Sponsorengelder zur Rettung von Fortuna gestiftet haben. Es ist immer toll, wenn Fans zu ihrem Verein halten, egal, wer das ist. Denkt doch mal dran, wie die Union Fans mit ihrer eigenen Hände Arbeit die “Alte Försterei” in ein anständiges Stadion verwandelt haben. Das nenne ich Einsatz! Und wahres Fan-Sein.

Kollektives Schnaufen von der Rückbank: Scheiß Union!

* * *

Kürzlich war ich wieder in Düsseldorf. auf dem Abschlusskonzert der Hosen zur Krach der Republik-Tour. Mit Herthaschal. Ich sag euch, das ist so, als ob man mit Kind oder Hund spazieren geht. Alle naselang wird man angesprochen und angegrapscht.

Nie enden wollender Gesprächsstoff


Auf dem Konzert I:

Fortuna-Fan in voller Montur (FFivM) zu anderem FFivM: Kuck mal, die hat ernsthaft einen Herthaschal um.

Anderer FFivM: Die traut sich ja was!

FFivM zu mir: Du traust dich ja was!

Icke: Wat denn?

FFivM: Na, hier einfach so mit Herthaschal auftauchen. Das geht doch nicht.

Icke: Ich hab ein Fußballteam zu supporten. Genau wie ihr Fortuna unterstützt.

FFivM: Aber doch nicht Hertha!

Icke: Ick bin Berlinerin, ich darf das!

FFivM: Das war aber echt scheiße, was ihr damals* gemacht habt.

Icke: Halloooo? WER hat denn den Platz zwei Minuten vor Ende gestürmt? Das waren NICHT die Herthaner!

FFivM: Das waren WOHL auch die Herthaner!

Icke: Wir** haben aber nicht angefangen!

FFivM: Das war doch aber mal der Hammer, was Rehhagel erzählt hat.

Icke: Dafür kann ick aber nich!

FFivM: Aber du stehst mit nem Herthaschal hier!


Jetzt erkenne ich den tieferen Sinn des Ausspruchs: Einer für alle, alle für einen. Jedenfalls den ersten Teil davon. Im Grunde hab ich eben sowieso den falschen Spruch zitiert. War wohl eher so: Mitgefangen, mitgehangen. Ich hab die Haue für Hertha abbekommen. Obwohl Hertha ja nun echt nix dafür ... naja, ich denke meine Meinung zu dem Spiel ist klar, wa?

*mit “damals ist das o.g. Relegationsspiel gemeint
** bei Angriff wird solidarisch zum “wir” geswitcht


Auf dem Konzert II:


Frau aus Olpe, ohne Fanmontur (FaOoF), mit Blick auf meinen Schal: Ey, cool, Hertha! Kommst du aus Berlin?

Icke: Ja. Gestern angekommen.

FaOoF: Wow, bist du extra für das Konzert hierhergefahren?

Icke: Ja, bin ich.

FaOoF: Das ist ja suuupi!

Icke: Aber diesmal bleib ich ne Weile hier. Im Juni in Köln bin ich morgens hin und nach dem Konzert zurück. War 26 Stunden am Stück auf Achse.

FaOoF: Wahnsinn! Das ist ja suuupi!

Icke: Jetzt kommen sie gleich. Es läuft American Idiot. Bald kommt noch Song 2 und Blitzkrieg Bop. Und wenn sie dann You’ll never Walk alone vom Band gespielt haben, kommen die Hosen auf die Bühne und legen mit 3 Kreuze, dass wir hier sind los.

FaOoF: Echt? Das ist ja supi!


Auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof, nachts um eins:

Frau in DTH-Montur stürmt die Treppe rauf, starrt mich an, rennt direkt auf mich zu,

springt mir an die Kehle

rupft mir am Schal und starrt drauf, als hätte sie sowas noch nie gesehen.


Frau in DTH-Montur (FiDM): Nääää, nich dein Ärnst, oda? Hääääärthaa? Näääää!

Icke: Doch!

FiDM: Näääääää! Dat jeht doch nisch!

Icke: Doch geht das. Siehste ja.

FiDM: Aber doch nisch als Hooooosen-Fan!

Icke: Doch. Ich liebe halt beide.

FiDM: Nääääää, dat jeht doch nisch!

(Lässt meinen Schal los, geht kopfschüttelnd ab.)


Auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof, nachts um Viertel zwei, was für Nichtberliner Viertel nach eins ist:

Typ, vielleicht Ende Zwanzig, kommt die Treppen hoch, guckt sich suchend um.


Typ Ende Zwanzig (TEZ): Ey, cool, du bist Hertha-Fan? Warste auch bei den Hosen? Warteste auch aufn Zuch? Kommt überhaupt noch einer?

Icke: Das versuche ich auch grad rauszufinden.

TEZ: Kommst du aus Berlin? Musst du noch zurück?

Icke: Ja. Nee. Ich schlaf bei ner Freundin. Fahre erst Montag zurück.

TEZ: Berlin, krass, ey.  Wo musst’n jetzt hin?

Icke: Düsseldorf Rath. Das müsste die Bahn da Richtung Essen sein. Aber die kommt erst um halb 2. Wo musst du hin?

TEZ: Irgendwo in die Pampa. Ich penn da bei nem Freund.

Icke: Ach, du kommst auch nicht aus der Gegend?

TEZ: Nee, ich komm aus so nem Scheißkaff. Und kenn mich hier überhaupt nicht aus. Sag mal, wie alt bist du?

Icke: denkt: ??? sagt: Hmsbsmfl.

TEZ: Echt? Wahnsinnn, hätte dich für Gmzmbfm gehalten (verschätzt sich locker um 15 Jahre nach unten). So mit Chucks und Kapu, find ich echt cool ey. Hätt ich nicht gedacht für ne Hmsbsmfl-jährige. Bist du sicher, dass du wirklich so alt bist? Krass, ey.


Berlin, Olympiastadion, 19.10.2013, Hertha BSC gegen Mönchengladbach. Ich mit drei Herthaschals und DTH-Hoodie, denn es ist kalt.


Frau an der Einlasskontrolle (FadE): Neee, dit is jetz nich dein Ernst, oda?

Icke: Wat denn?

FadE: Na der Hosen-Pulli! Dit jeht ja jaaa nich. So lass ick dir nich ins Stadion.

Icke: Menno, ich liebe eben beide, das ist Schicksal.

FadE: Aber doch nich die Hooosen! Dit is Fortuuuna! Dit jeht jaaaa nich!


Wie ich schon sagte: Mitgefangen, mitgehangen. Hosen sind Fortuna, ich bin schuld am Platzsturm. Oder - weil ich grad beim Sprücheklopfen bin: Wie man es macht, macht man es verkehrt. Feindliches Gebiet ist überall.

So what. Und weil kürzlich jemand von Andrea Jürgens sprach:
Und daaaaaruuuum liiiebe ich ooiiich baaaaaiiiidäääää.
Bis zum bitteren Ende.

DTH, Düsseldorf, Esprit Arena IMG 9459 from Petra A. Bauer on Vimeo.

Blau-weiße Grüße

Petra
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